Akademischer Workflow mit Freier Software

Moritz Fürst hat vor gut einem Jahr seinen akademischen Workflow beschrieben. Ich habe mir vor einiger Zeit vorgenommen, das einmal auf mein Linux-System abzubilden. Einige Programme, die ich erwähne, gibt es auch für Windows, die Systemtools sind jedoch Linux- oder sogar GNOME-spezifisch.

Recherche, Strukturieren und Schreiben sind in meinem Prozeß sich abwechselnde und aufeinander aufbauende Schritte. Ausgangspunkt meiner Arbeit ist meistens eine Mindmap mit ersten Ideen zu einem Thema, einem ersten Entwurf der Fragestellung, die sich natürlich verfeinert und/oder eingrenzt, je mehr ich mich in ein Thema einlese. Nach einer ersten Recherche- und Lesephase verändert sich diese vorläufig entworfene Struktur natürlich, es tun sich neue Aspekte der Fragestellung auf, die einen neuen Recherchevorgang anstoßen undsofort. Da ich die Neigung habe, so viel zu lesen, daß ich das Material hinterher nur noch unter Schwierigkeiten in Textform strukturieren kann, fange ich möglichst früh mit den ersten Textteilen an, die ich dann bei Bedarf neu arrangiere. Der Einfachheit halber unterteile ich meinen Arbeitsprozeß jedoch analog zu Moritz‘ Ansatz:

Research/Recherce

Für das Sammeln von Material verwende ich den Zettelkasten von Daniel Lüdecke. Zwar ist auch Evernote ein tolles Werkzeug, das Schöne am Zettelkasten ist die „Schreibtisch“-Funktion, mit der ich Ideen zu einem bestimmten Schlagwort kompilieren kann. Ferner unterstützt der Zettelkasten Quellenangaben. Zur Literaturrecherche greife ich direkt zu den Bibliotheks(meta)katalogen oder ganz schnöde Google Books und erfasse die Quellen mit Zotero.

Exzerpte Meine Exzerpte landen gerne ebenfalls im Zettelkasten. Dabei ist das großzügige Verschlagworten, das mir später beim Strukturieren des Materials hilft, wichtig. Zu meinen Windows-Zeiten habe ich Exzerpte und Zitatensammlung gleich in citavi gemacht. Will ich andere teilhaben lassen oder gar mit anderen gemeinsam arbeiten, verwende ich Openetherpad. Zur Technik des Exzerpierens habe ich vor einiger Zeit auf imgriff.com etwas geschrieben: Zuverlässig zusammenfassen: Exzerpte für Studium und Schule.

Bibliographie Wenn es ein Programm gibt, das ich unter Linux vermisse, dann ist es citavi. Da hilft mir wine leider nicht. Derzeit verwende ich für meine Bibliographie zotero. Das ist zwar nicht ganz so mächtig und nicht so sehr „ein Werkzeug, sie alle zu knechten“, aber für die Kernfunktion Literaturverwaltung ist es prima.

Dateiverwaltung Um Überblick zu halten, habe ich mich früher auf hierarchische Dateiorganisation verlassen und exzessiv den Windows Explorer bemüht. Mit meinem Umstieg auf Linux hat sich eine andere Strategie ergeben: Ich verwende inzwischen mehr die Suchfunktion von Gnome Do, die Dateisuche von Gnome oder das Kommandozeilen-Programm locate.

Process/Material verarbeiten

Nicht jede_r, der/die schreibt, geht so sehr von Struktur aus wie ich. Mein Ausgangspunkt für die meisten Texte ist, wie oben erwähnt, eine Mindmap, aus der, wenn das Ideengebäude einigermaßen Gestalt angenommen hat, via Exportfunktion das Skelett eines OpenOffice-Dokuments wird. Mein Lieblingstool dafür ist freeplane geworden, zum einen, weil es relativ schnörkellos ist und doch alles kann, was ich von einem Mindmapping-Programm erwarte; zum anderen, weil es eine sehr komfortable Funktion für den Export nach OpenOffice bietet. Für kollaborative Zwecke bietet sich Mindmeister (Affiliate-Link) an (mit einem freien Account kann man bis zu drei Mindmaps verwalten).

Draft/Entwurf

Im Stadium des „Drauflosschreibens“ verwende ich gern OpenOffice. Wenn ich es störungsfreier brauche (und mir der Vollbildmodus von OpenOffice nicht reicht), verlasse ich mich auf PyRoom bzw. auf Windows-Systemen DarkRoom. Manchmal ist mir aber auch nach dem guten alten vim. Ein wichtiger Schritt ist, Ideen aus dem Zettelkasten in den Text einzupflegen. Das gehe ich dann an, wenn der Text wenigstens eine vorläufige inhaltliche Struktur hat; die Suchfunktion und die Schreibtisch-Funktion helfen mir dabei, die beim Materialsammeln erfaßten Zitate und „ins Unreine geschriebenen“ Ideen zu sortieren. Mit LaTeX freunde ich mich gerade erst zaghaft an. Der Editor LyX ist hier sehr einsteigerfreundlich und vor allem strukturorientiert, außerdem arbeitet Zotero über das Firefox-Addon LyZ damit zusammen.

Polish/Endredaktion

Über die vier Schritte zur Endredaktion eines Textes habe ich ja bereits etwas geschrieben. Als Werkzeuge dafür setze ich neben der recht brauchbaren Rechtschreibprüfung von OpenOffice die guten alten Kommandozeilentools diction und style ein, um meine sprachlichen Stereotypen unter Kontrolle zu halten. wc -w hilft mir, die Länge eines Textes im Blick zu behalten.

Formatvorlagen, insbesondere für Absätze, richte ich von Anfang an ein und benutze sie im Verlauf der Arbeit mit OOo konsequent, statt Text „einzeln“ zu formatieren. (Letzteres habe ich, einschließlich manuellem Numerieren von Überschriften, leider bei vielen FreundInnen und KommilitonInnen gesehen!) Sollte mir dann beim „Polieren“ einfallen, daß ich statt Arial vielleicht lieber Garamond für meine Überschriften verwenden möchte oder der Zeilenabstand in Zitaten statt genau einer Zeile besser 1,15 Zeilen betragen sollte, ist das mit wenigen Mausklicks umgestellt. Arbeite ich mit Plain Text (weil z.B. der Artikel ohnehin online erscheinen soll), entfällt dieser Schritt natürlich, und in LaTeX bin ich ohnehin genötigt, Absatzstile zu verwenden. Es sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, aber ich betone es zur Sicherheit: Es ist eine sehr gute Idee, Arbeiten als PDF zu exportieren. OpenOffice kann das von Haus aus, neue Versionen von Word auch. Unter Word/Openoffice ist nämlich nicht gesichert, daß z.b. auf allen Computern ein Bild am selben Platz steht, ein PDF sieht jedoch immer gleich aus. Darum habe ich mir bereits im Studium angewöhnt, PDF von meinen Arbeiten zu erzeugen und dann dieses PDF zu drucken. Als ich meine Magisterarbeit drucken ließ, war man mir im Copyshop recht dankbar dafür. Für komplexere Layouts bietet sich Scribus an.

Eine Antwort auf „Akademischer Workflow mit Freier Software“

  1. Hallo Frau Kutzner,

    über die Suchworte „Zettelkasten“ und „Freemind“ bin ich auch auf Ihren Blogbeitrag gestoßen und damit u.a. auf Freeplane, das ja (fast die gleichen Entwickler) als eine Weiterentwicklung von Freemind angesehen werden darf. Nun fand ich aber noch mehr – und wundere mich bisher noch gar nichts davon gehört zu haben: Docear. http://www.docear.org/ Dieses Programm integriert Freeplane und BibTex, arbeitet schnell und insbesondere die darin verwendete Freeplane Version ist noch schneller und ausgefuchster als die vorherige. Kriegt von mir fünf Sterne. In der Hoffnung, Ihnen mit diesem Tipp auch etwas Nützliches getan zu haben, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen Wolfgang Mackowiak

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